Tagesgedanken vom 01.12.2015

Der Fremde

Dies ist die Geschichte einer Freundin, die ich gerne, so wie sie mir erzählt wurde, weiter geben möchte.
Es liegt ein paar Tage zurück, als sie zur Reise in ihre frühere Heimat aufbrach, um ein letztes Mal ihren Vater zu besuchen. Die Bahn sollte sie sicher ans Ziel bringen und ihr Auto auf dem großen Parkplatz in der Stadt stehen. An diesem Tag war sie alleine und um den Bahnhof mit ihrem Gepäck zu erreichen, hatte sie einen kleinen Fußmarsch zu bewältigen.

Auf ihrem Weg überholte sie mit ihrem Koffer einen jungen Mann, zu dem sie in Gedanken einen kurzen Kontakt aufnahm.

Ein Stück weiter hatte der Mann aufgeholt und war bereits an ihr vorbei gezogen, als er sich plötzlich umdrehte und der zierlichen Frau seine Hilfe anbot. Der Bahnhof lag noch in guter Entfernung und so nahm sie seine Hilfe dankbar an.

Der Fremde brachte ihr den Koffer bis zum Bahnsteig, wo sie nun leichten Fußes und in netter Gesellschaft ihren Zug erreichen konnte. Es stellte sich heraus, dass er dass er 23 Jahre jung war, syrischer Herkunft und seit Juni in Deutschland. Er habe bereits eine Wohnung in ihrem Nachbarort und fuhr in die Stadt, um unsere Sprache zu erlernen.

Die beiden tauschten ihre Adressen aus, damit meine Freundin nach ihrer Rückkehr Kontakt aufnehmen konnte, um ihn und seine Familie zu besuchen und ihnen vielleicht auch die eine oder andere Freude machen zu können.

Ich fand diese Geschichte ebenfalls so bewegend, dass sie die Chance haben sollte, gelesen zu sein.

Wir alle sind Reisende auf unserem Weg .

Schauen wir in der Geschichte zurück, fanden auch viele unserer Vorfahren eines Tages Halt und Raum in einem anderen, vielleicht fernen Land.

Zahlreiche der hier lebenden Menschen haben ihre Wurzeln im sogenannten Ausland. Wenn ich mein Umfeld betrachte, müsste ich wohl lange suchen, um einen Menschen zu finden, dessen Familie seit Jahrhunderten ausschließlich in Deutschland angesiedelt und aufgewachsen war.

Wir alle haben eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft. Wissen können wir nur, wo wir heute sind.

Alle waren wir zunächst Fremde, bevor wir eines Tages Freunde sein konnten.

In Liebe und Dankbarkeit, auch für Euch, die Ihr meine Zeilen lest.
Isabelle Hassan